Ein alter Müsener Brauch: Das Bärenleiten in Müsen

von Wolfgang Leyener
Quelle: Rundblick, 1. Jahrgang, 48. Woche, Dezember 1977 Müsen.

Alle Jahre wieder - am Nikolaustag, dem 6. Dezember - bietet sich dem Feriengast in einem der schönsten Stadtteile des Luftkurortes Hilchenbach, in Müsen, ein ungewohntes Bild. Schnaufend und brummend, mehr gezogen als selbst trabend, wird ein Bär von einer lustigen verkostümierten Menge durch den Ort geleitet. Fragt man einen älteren Müsener Bewohner über diesen wohl im Siegerland einmaligen Brauch, dann wird der Interessierte in das Jahr um 1870 - also nach Beendigung des deutsch-französischen Krieges - zurückversetzt, wo alljährlich ein lustiges Zigeunervölkchen mit einem Bären im Gefolge das heute fast 900 Jahre alte Dörfchen Müsen aufsuchte. Die Zigeunergruppe war bei den Müsenern beliebt und als eines Tages der Zigeunerführer mit seinem Bären - aus welchen Gründen auch immer - fernblieb, wollte die Bevölkerung auf das gewohnte Bild nicht verzichten. Fortan gründeten die Müsener Junggesellen eine eigene Bärengruppe, bestehend aus dem Dirigenten, einem Neger, dem Bären und seinem Führer, dem Schweinskopf (Säukopp), Zigeunerinnen und Zigeunern, Teufelsgeiger, Knutsch, Clown und Pirat. Und weil das Volk dabei viel Spaß hatte, durfte ein Kassierer nicht fehlen. Schwierigkeiten bereitete den Müsenern zunächst die Beschaffung des Bärenfelles, das im Jahre 1880 noch aus Stroh geflochten wurde. Zu einem unliebsamen Zwischenfall kam es im Jahre 1893, wo beim großen Müsener Brand ein Teil der Wohn- und Geschäftshäuser ein Raub der Flammen wurde. In der allgemeinen Hektik wurde eine als Bär verkostümierte Person mit einem Messer erstochen, wobei bis heute noch Unklarheit über den Täter und das Tatmotiv besteht. Der Brauch des Bärenleitens wurde damals vorübergehend von den Ordnungshütern verboten. Zu Beginn dieses Jahrhunderts lebte der Brauch des Bärenleitens in Müsen wieder auf. Es waren die "Neuntöter", Junggesellen der Jahrgänge 1905 - 1907, die die Bärengruppe bildeten. Von den "älteren Semestern", denen Emil und Hermann Schreiber, Johannes Bohn, Hans Becker und Theo Franz angehörten, weiß Ernst Setzer (72) zu berichten, daß man in origineller Verkostümierung, wobei der Bär ein aus Jutesäcken angefertigtes Fell besaß, am Nikolaustag gegen 18.00 Uhr im Jahre 1925 den Gasthof Sonneborn aufsuchte, um sich mit Schuhwichse und "allerlei gefährlichem Zeug" einzureiben. In entsprechender "Kriegsbemalung und selbst angefertigten Kostümen zog die Bärengruppe ab Ortsgrenze Dahlbruch - Müsen langsam von Haus zu Haus. Für die "Dressurvorführung mit Begleitmusik" erhielten die Bärentreiber hier und ein paar Pfennige und ab und zu landete auch ein Stück Speck oder gar eine geräucherte Wurst in dem großen Schlapphut des Bärentreibers. Zahlreiche mit Korn und Wacholder gefüllte Fuhrmannspinnchen waren wohl die Ursache dafür, dass man erst gegen Mitternacht den Gasthof Sonneborn im Ortsmittelpunkt erreichte, wo in den Jahren 1925 bis 1928 die Spenden der Bevölkerung gerade für eine gute Nachtmahlzeit und einige Krüge Gerstensaft ausreichten. Geselligkeit stand im Mittelpunkt des Treffens der Junggesellen, die sich meistens am Tag zuvor zur Wehrfassung in Hilchenbach vorgestellt hatten. Wie Ernst Setzer zu berichten weiß, kam es nach einer ausgedehnten nächtlichen Feier vor, dass der Neger morgens noch in voller Schminkmontur im Bett lag, was die Mutter des Betroffenen zu einem Schrei des Entsetzens veranlasste. Nachdem man das Fell des Bären im wahrsten Sinne des Wortes versoffen hatte, war es schwer, die nach alten Hausrezepten angefertigte Schminke zu entfernen und so kam es, dass die Junggesellen noch einige Tage mit gefärbten Körperpartien einherliefen.

Am 6. Dezember dieses Jahres wird die Bärengruppe von den jungen Faustballern des Turn- und Sportvereins Müsen gestellt, die in origineller Kleidung gegen 13.30 Uhr mit dem Bärentreiben in der Hörbachstraße in Dahlbruch beginnen. Zu dem inzwischen traditionellen Bärenball laden die Akteure um 19.30 Uhr in die alte Turnhalle nach Müsen ein.