Flugenten im Luftkorridor 

Jahrelang war das Mandarinenenten-Pärchen sesshaft auf einem kleinen Teich an der Müsener Kindelsbergstrasse. Durch den plötzlichen Tod der Gattin wurde der fürsorgliche Erpel über Nacht zum Witwer.

Der Versuch, ihm eine neue Gefährtin gleicher Art zu verschaffen, schlug fehl, weil bei einem Zuchtbetrieb die Brutzeit mitten im Gange war. Stattdessen bestand die Möglichkeit, ein Pärchen anderer Spezies zu bekommen. Beim Erwerb konnte der Müsener Entenhalter zusehen, wie den beiden gefiederten Tieren die Flügel gestutzt wurden. Schwimmen sollten sie, fliegen nicht.

Der Transport von Wittgenstein nach Müsen verlief reibungslos. Die beiden Neuankömmlinge fühlten sich sofort pudelwohl in ihrem neuen Revier und ihrem verwitweten Artgenossen. Aber nur etwa zwei Wochen. Ohne ein Wort des Abschiedes machte das Duo den Abflug. Das Landmanöver vollzog sich im örtlichen Freibad, mitten zwischen einigen eifrigen Schwimmern, die für das deutsche Sportabzeichen übten. Entenhalter und TuS-Leichtathlet Karl-Heinz Jung kennt das Gewässer wie seine Westentasche, hat er doch dort einige Jahre als Badeaufsicht fungiert.

Es dauerte einige Tage, bis es der Kioskbesatzung (Ulla und Heidi) mit viel gutem Zureden und noch mehr Toastbrot gelang, die Flüchtigen zu verhaften. Lösegeldforderungen soll der Halter übrigens bislang nicht nachgekommen sein.

Was folgte, war eine zweite Flügelstutzung am Heimatteich. Diese verhütete abermals nur für kurze Zeit ein erneutes Abheben. Und wieder begann im Freibad alles von vorn: Locken und Fangen. Ausführendes Organ war diesmal Helga von der Kasse. Die kurze Rückreise im Karton via "Säubruch" vollzog sich ohne großes Geschnatter. Überlegung, das Pärchen weiß anzustreichen, um es beim bevorstehenden Hafenfest als Möwen zu deklarieren, verwarf Karl-Heinz. Seit einem nochmaligen Fassonschnitt im Flügelbereich der beiden Ausreißer herrscht Ruhe im Müsener Luftkorridor. Bis auf eine Ausnahme. Für die sorgte ausgerechnet der verwitwete Erpel. Er startete einen Nachtflug in unbekannte Gefilde und ist bis heute nicht wieder aufgetaucht.

Hatte der 68-jährige Turnbruder bereits mit dem Gedanken gespielt, jegliche Entenhaltung aufzugeben, vollzog sich bei ihm nach dem jüngsten Verlust doch ein unerwarteter Sinneswandel. Der gipfelte in der Anschaffung eines weiteren Mandarinen-Entenpaars. Beschwörende Worte sollen am Kaufort Eckenhagen gefallen sein. Jegliche Flugfähigkeit wurde ihnen abgesprochen. Daraufhin ging es ab zum Teich an der Kindelsbergstrasse.

Dort angekommen, erstarrten die Gesichtszüge des Müseners. Anstatt ins Wasser zu watscheln, hob das gefiederte Paar aus dem Karton heraus in die Luft ab. Nicht einmal Zeit zum Auftanken ließen sie sich.

Nach zwei Tagen ohne Nachricht - selbst in umliegenden China-Restaurants fragte man sich: "Wat nu?" - kehrten die Neuzugänge unversehrt ins heimische Terminal zurück. Nicht mal die Radarstation in Erndtebrück hatte die Beiden auf dem Schirm.

Seither unternimmt nur noch eine Ente vereinzelte Ausflüge und kehrt stets mit unschuldigen Kulleraugen zurück. Karl-Heinz Jung hofft, dass es dabei bleibt. Und dass es im alten Bergmannsdorf keine fliegenden Fische gibt. In dem kleinen Teich tummeln sich Forellen, Karpfen und Goldorfen. Vorsichtshalber hat der Halter sie in seiner Moralpredigt an Entenvolk mit einbezogen.

 Quelle: Siegener Zeitung, 15.08.2009