Erst zu viel Zeit - dann zu wenig 

So kann's gehen: Erst scheint man Zeit ohne Ende zu haben, wenig später schlüpft sie einem regelrecht davon. So ergangen einer junggebliebenen Müsenerin, an der die Zeit - immerhin gut 40 Jahre - bislang kaum Spuren hinterlassen hat. Zeitig hüpfte sie jetzt aus den Federn - Zeit, den Liebsten zur Arbeit zu bringen und dort ebenso kurz wie innig Abschied von ihm zu nehmen. Dienst-reise lautet das Stichwort.

Bis zum eigenen Dienstantritt in Siegen blieb noch ein Weilchen Zeit. Zeit genug, um den Magen mit ein paar frischen Brötchen zu verwöhnen. Mit den knusprigen Semmeln auf dem Beifahrersitz nahm die Mutter Kurs auf heimatliche Gefilde, wo der jüngste Sohnemann noch selig schlummerte.

So, eigentlich fängt die Geschichte jetzt erst richtig an. Um nicht ständig mit einem kiloschweren Schlüsselbund herumlaufen zu müssen, hatte die Müsenerin tags zuvor den Haustürschlüssel von den anderen Türöffnern getrennt. Ein fataler Fehler, wie sich im nachhinein herausstellte. Ins Auto gelangen und auch wieder hinaus - alles kein Problem. Durch die Haustür schon. Immerhin erinnerte sich die Ausgesperrte an ein Hintertürchen. Also nichts wie los ums Haus., im Halbdunkeln den Türknauf erhaschen und hinein in die gute Stube. Denkste. Die Außentür spielte mit, die Zwischentür im Keller nicht.

Alles Klingeln, Klagen, Klopfen und Fluchen verhallte ungehört. Sohnemann schlief, obwohl er doch eigentlich lang-sam zur Schule müsste. Und plötzlich rann die zeit davon. Der letzte Ausweg: nochmals nach Hilchenbach düsen, den Haustürschlüssel des Liebsten ausborgen, zurück in heimatliche Gefilde und in die gute Stube, Sohnemann wecken, für die Schule fertig machen und dort abliefern, Kurs in Richtung Siegen nehmen, Stechuhr drücken und außer Puste, aber pünktlich in den Bürostuhl fallen. Wer die zeit im griff hat, den können solche Lappalien halt nicht erschüttern. Nur die Brötchen, die lagen noch auf dem Beifahrersitz - leider nicht mehr ganz so frisch und knusprig. Hat doch anstelle der Müsenerin der Zahn der Zeit an ihnen genagt ...

Quelle: Siegener Zeitung, 25.10.2006