Wipfel in der Erde, Wurzel in die Höh' 

Verkehrte Welt in Müsen. Zwar st(r)ecken auch "öwerm Wasser" alle meine Entchen ihre Köpfchen in die Höh'. Auch die Bäume wachsen im alten Bergmannsdorf in der Regel normal heran: unten die Wurzeln, oben die Wipfel. Aber keine Regel ohne Ausnahme. Und die findet sich in der Stahlbergstraße. Doch von vorn:

Viele Siegerländer erinnern sich gern an die von Willi und Agnes Schmidt organisierten Sylt-Fahrten des Siegerland-Turngaus. Bis heute stehen etliche Teilnehmer von einst in Kontakt zueinander, hegen und pflegen freundschaftliche Band. So auch die Betreuer-Crew von 1975, als neben der Nordsee-Insel u.a. das Nordkap angesteuert wurde. Über Ostern trafen sich die in die Jahre gekommenen Turnerrecken an alter Wirkungsstätte.

Ein beliebter Anlaufpunkt auf Sylt ist das Cafe "Kupferkanne". Stolze Kiefern säumen das Haus am Kampener Wattenmeer. Doch vor sechs Jahren riss der "blanke Hans" mit Sturmgewalt einen Teil des Baumbestandes nieder. Was machten die Insulaner? Sie rammten die Kiefern mit den Wurzeln nach oben ins Erdreich und ließen Efeu um die Stämme wuchern.

Eben jene "Kupferkanne" war am Ostersonntag Ziel der ehemaligen Sylt-Fahrer. Die Frauen sehnten sich nach Kaffee, die Männer dürstete es nach einem Frühschoppen. Sogleich fielen den haubergserfahrenen Siegerländern die verkehrt herum stehenden Kiefern auf. Nach dem ersten "Halben" entfuhr es Elmar aus Müsen: "Dat kahn ech och!" Nach dem zweiten: "Onn bet Beleuchtung!" Nach dem dritten ergänzte der 51-jährige seine Absichtserklärung um das Versprechen, eine kleine Feier zu organisieren, nachdem das Werk vollendet sei. Die Runde stand Kopf.

Ausgerechnet während des WM-Spiels Deutschland-Polen machte der 51-Jährige Nägel mit Köpfen. Mit Hilfe einiger Freiwilliger, die sich anschließend als Entschädigung für das verpasste Fußball-Duell üppig bewirten ließen, wurden in den Müsener Jähnen die Wurzeln von drei Fichten freigespritzt. Nach dem Transport zur Stahlbergstraße versenkten Elmar & Co. die vom Astwerk befreiten Stämme auf Plattentiefe (6cm) in den Boden und stützten sie seitlich ab. Seither ragen die Wurzeln gen Himmel. Besonders schön anzusehen ist die Fichtenparade im Vorgarten bei Dunkelheit, wenn nämlich das bizarre Wurzelwerk in ein geheimnisvolles Licht getaucht ist.

Ach so: Das Werk ist zwar vollendet, aber die Feier steht noch aus. Doch Elmar hat sein Versprechen nicht vergessen und ist fest entschlossen, die Baumparty nach vor der Erhöhung der Mehrwertsteuer durch zuziehen.

Quelle: Siegener Zeitung, 23.09.2006