Die Schlafzimmersäge 

Manche Möchtegern-Waldarbeiter beginnen ihre Ausbildung im Schlafzimmer.

Sie sägen. Sägen so laut, dass geplagte Bettnachbarn bisweilen mit dem Kissen unter dem Kopf die Flucht in Richtung Wohnzimmercouch antreten oder Stihl zähneknirschend das Terrain überlassen.

Nun, die Säge, von der hier die Rede sein soll, schläft und schnarcht nicht. Freilich verursacht auch sie Geräusche, aber die lassen sich per Knopfdruck abstellen, und dann herrscht wohltuende Ruhe. es handelt sich um eine Bandsäge, eine große schwere Maschine. Ihren vorübergehenden Platz hatte sie in einem Rohbau im Raum Hilchenbach. Der exakte Standort: das künftige Schlafzimmer des Häuslebauer.

Da ruhte sie also unter dem Dach, das noch gar nicht da war. Ihre Aufgabe hatte sie erfüllt, nur abholen mochte sie noch niemand. Jetzt sei ein günstiger Zeitpunkt, die Säge an den Kranhaken zu hängen und gen Erde schweben zu lassen, riet ein Nachbar. denn noch seien die Dachbalken nicht montiert und die Fenster nicht eingesetzt. Es bleib bei dem Wohlgemeinten Tipp. Irgendwann waren die Dachbalken montiert und die Fenster eingesetzt, doch die Bandsäge schlummerte nach wie vor im künftigen Schlafgemach. Langsam wurde es eng, stand sie im Weg, die Nervensäge. Wer mag schon sein Bett mit einer solchen teilen?

Die letzte Gelegenheit, das Teil komplett und nicht stückweise hinab zu bugsieren, bat sich, bevor die Treppe installiert und damit auch das einzige noch verbliebene Schlupfloch gestopft war. Diesmal klappte die "Tieferlegung" - mit Ach und Krach, vereinten Kräften, Muskelschmalz und einem dicken Seil. Okay, früher und mit dem Kran wäre der "Schwertransport" vielleicht flotter vonstatten gegangen, doch immerhin: Die Säge war raus aus dem Schlafzimmer. Ob demnächst - wie in sie vielen Wohnungen - auch in diesem Neubau wohlbekannte menschliche Sägelaute aus dem gekippten Fenster in den Nachthimmel dringen werden, lässt sich natürlich nicht mit Bestimmtheit sagen.

Quelle: Siegener Zeitung, 17.02.2006