Original und Fälschung

 

Normalerweise bringt den Hausmeister der Müsener TuS-Turnhalle so schnell nichts auf die Palme. In seiner salomonischen Art strahlt er Ruhe und Gelassenheit aus. Dass er unlängst doch in Rage geriet, hat er einer Abteilung zu verdanken, der er selbst angehört: den "Unsportlichen". Die gelten im Verein zwar längst als unentbehrliche Stütze, sind aber gleichzeitig um keinen Schabernack verlegen.

In seiner Eigenschaft als Platzwart kontrolliert Hausmeister Dirk S. auch das Rasenfeld. Dieses würde jedem englischen Garten ernsthaft Konkurrenz machen, wenn nicht - ja, wenn nicht eine wilde Maulwurf-Horde ausgerechnet diese Fleckchen des alten Bergmannsdorfes zu ihrem bevorzugten Terrain auserkoren hätten. Nicht gerade blindwütig, aber mit einer gewissen Antipathie gegen die sehschwachen Tierchen macht der Platzherr regelmäßig kleine Erdhügel platt, um dem Sportfeld wieder ein ebenes Aussehen zu verleihen.

Am Tag vor den leichtathletischen Vereinsmeisterschaften war die schmucke Anlage am Merklinghäuser Weg auf Hochglanz poliert. Auch der Rasen leuchtete saftig grün in der Sonne, kein hässlich-brauner Fleck trübte die Augen. Selbigen traute der emsige Hausmeister am nächsten Morgen indes nicht mehr, als er aus dem Bad nach draußen blickte. Ein knappes Dutzend Maulwurf-Pyramiden türmte sich auf dem Spielfeld. Offenkundig hatten die grauschwarzen Wühler ganze Arbeit geleistet. Was Dirk S. nicht wusste: Bis auf einen echten Maulwurfshügel handelte es sich um "Attrappen", von den "Unsportlichen" des Nachts geschickt über den gesamten Rasenplatz verteilt.

Wie dem auch sei, als pflichtbewusster Mensch brach Dirk S. kurzerhand die Rasur ab, um in der knapp bemessenen Zeit die Sportanlage wieder meisterschaftstauglich zu gestalten. Wie der Zufall so wollte, galt ausgerechnet die erste Spaten-Attacke dem einzigen Originalhügel weit und breit. Einmal im Arbeitsfieber, fielen dem schwitzenden Mannsbild die Fälschungen danach überhaupt nicht mehr auf. Und selbst wenn - Verschwinden müssen hätten sie ja ohnehin. Erst gegen Ende der Vereinsmeisterschaften klärte die Führungsspitze des TuS ihren gestressten Turnkameraden über den Streich auf. Über dessen grimmiges Gesicht huschte danach gar ein erste verstehendes Grinsen. Das Gelächter der "Unsportlichen" hingegen soll bis in die verzweigten Maulwurfgänge im Erdreich gedrungen sein.

Quelle: Siegener Zeitung, 23.07.2003