700 Jahre Grube Stahlberg

Ein kurzer Abriss der Stahlberger Bergbaugeschichte

In Müsen liegt an der 616m hohen Martinshardt der einst weltbekannte Stahlberg. An diesem Berg ist Jahrhunderte lang Bergbau auf Buntmetallerze und Eisenstein umgegangen. Die Grube Stahlberg wurde  bereits am 4. Mai 1313 erstmals urkundlich als „Stenberge zu Muzen“ erwähnt und stand ohne Unterbrechung bis zum 31. März 1931 in Förderung.

Der Müsener Raum als nördlichster Bereich des „Siegerland-Wieder-Spateisensteinbezirkes“ war einst durch die vorherrschende Gewinnung von Blei- und Zinkerzen gekennzeichnet. Nur die Gruben Stahlberg und Brüche waren Eisensteingruben. Bei den übrigen 30 Betrieben überwog der Anteil der Buntmetalle in der Förderung.  Die meist Nord-Süd streichenden Gänge setzen in einer knapp 4km langen und 800m breiten Zone zwischen den Orten Silberg im Norden und Ferndorf im Süden auf.

Der Bergbau in diesem Bereich war bis zu seiner Einstellung der Motor aller wirtschaftlichen Aktivitäten im Bereich der heutigen Städte Hilchenbach und Kreuztal. Mit den Firmen Achenbach in Buschhütten, SMS in Dahlbruch und dem Hammerwerk Vorländer in Allenbach haben sich bis heute Nachfolgebetriebe des Bergbaus in der Region erhalten.
Bereits der Bonner Mineraloge Nöggerath beginnt seine 1863 entstandene Beschreibung der Grube Stahlberg mit den Worten: „Der Eigentümlichkeit und Großartigkeit seiner Lagerstätte, dem reinen und manganreichen Spateisenstein, welcher in der Stahlfabrikation ein dem steirischen Eisen nicht nachstehendes Produkt liefert, und dem hohen Alter seines Bergbaus hat der Müsener Stahlberg seinen weit verbreiteten Ruf zu verdanken.“

Über den ältesten Betrieb der Grube ist noch wenig bekannt. Nur wenige schriftliche Quellen geben bis Anfang des 17. Jahrhunderts Auskunft über die Betriebs- und Besitzverhältnisse der Grube. Waren es Anfang des 15. Jahrhunderts noch Einzelbesitzer, so bildeten sich um 1450 erste gewerkschaftliche Zusammenschlüsse mehrerer Gruben- und Hütenbetreiber. Aus jener Zeit stammt auch der untrennbare Zusammenhang der Anteile von Bergwerk und Stahlhütten des Stahlbergs.
Um 1611 gab es noch elf kleine Gewerkschaften, welche auf der Stahlberger Lagerstätte Bergbau betrieben. Sie  gründeten  in der Folgezeit durch Zusammenlegung der Gruben die ‚Gewerkschaft Stahlberg’.

Im 18. Jahrhundert folgte nach dem Bau des „Tiefen Müsener Stollens“, dem heutigen Besucherbergwerk, eine erste technische und wirtschaftliche Blütezeit des Bergbaus auf dem Stahlberg. Wasserradgetriebene Wasserhaltungs- und Fördermaschinen und modernere Aufbereitungs-werke prägten das Bild der Grube. So war der Stahlberg 1771 mit einer Belegschaft von 70 Bergleuten die größte Grube im Siegerland.

Besonders bekannt wurde der Stahlberg durch die von Johann Heinrich Jung im Jahre 1772 begonnene „Treppenfahrt“. Hoch oben an der Martinshardt begann diese über 500 Stufen zählende Treppe, welche durch den gesamten Stahlberger Abbau bis auf die Erbstollensohle führte.

Diese machte es sowohl Bergleute wie Gäste wesentlich einfacher die Grube Stahlberg zu befahren. Besonders dem in Sachen Bergbau eher unerfahrenen Besucher blieb so die ansonsten übliche und waghalsig anmutende Art der Grubenbefahrung über hölzerne Leitern erspart. Der Besucherandrang war zeitweise so groß, dass ein Fremdenführer von der Grube abgestellt wurde. Neben Studenten verschiedener europäischer Bergakademien, Industriellen, Schriftstellern und Verlegern, Mineralogen und Geologen besuchten auch immer wieder Vertreter des Hochadels die Grube. So befuhren zwei Erzherzöge von Österreich und preußische Prinzen den Stahlberg über die Treppenanlage. Die noch erhaltenen Gästebücher aus der Zeit von 1891 bis 1931 geben ein Zeugnis davon ab. Nach der Einstellung des Abbaus im ‚Stahlberger Stock’ 1880 verfiel die Treppe und heute ist selbst die genaue Lage des Ausgangs an der Martinshardt unbekannt.

Im Jahre 1854 begann der moderne Bergbau am Stahlberg mit der Gründung des Cöln-Müsener-Bergwerks-Actienvereins, der ersten Aktiengesellschaft des Siegerländer Wirtschaftsraums. Mit dem Zugang auswärtigen Kapitals und der durchgreifenden Erneuerung der maschinellen Anlagen begann die größte Blütezeit des Stahlbergs. Waren  1836 noch 110 Bergleute beschäftigt, so arbeiteten 1863 bereits 450 Bergleute am Stahlberg. Einer weiteren Ausdehnung des Berg- und Hüttenwesens stand in der Folgezeit ein ständiger Mangel an Arbeitern entgegen, einem Umstand dem  trotz Anwerbung von Arbeitern in den umliegenden Ländern nie Abhilfe geschaffen werden konnte.

Doch bereits 1877 war entgegen aller Vorhersagen der berühmte ‚Stahlberger Stock’ erschöpft. Die Grube geriet aufgrund fehlender Neuaufschlüsse in größte Not und stand kurz vor der Schließung. Durch geschickte Verhandlungen gelang es der Grubenverwaltung, einen Teil der Erzgänge der benachbarten Grube „Wildermann“ zu erwerben, welche letztendlich das weitere Überleben der Grube „Stahlberg“ sicherten und das schnelle Ende der Grube „Wildermann“ herbeiführten.

Die Spitzenstellung, welche der ‚Stahlberg’ innerhalb des Siegerländer Bergbaus innehatte, konnte jedoch nicht aufrechterhalten werden. Die Glanzzeit des gesamten Müsener Bergbaus war ab dem Ende des 19. Jahrhunderts unwiederbringlich vorbei.

Erst 1905 fand man aufgrund der ersten wissenschaftlichen geologischen Forschungen durch die preußische geologische Landesanstalt auf der 304m - Sohle einen neuen Eisenerzgang, das sog. „Neue Stahlberg Mittel“. Dieser bis zu 20m mächtige Erzgang enthielt ca. 700.000 Tonnen Siderit. Die Förderung von Eisenstein konnte in der Folgezeit  wieder stark erhöht werden. Nach dem Bau einer modernen neuen Schachtanlage war man in der Lage, mit 350 Mann Belegschaft jährlich bis zu 40.000 Tonnen Eisenstein zu fördern und aufzubereiten. 1916 wurde der Cöln-Müsener-Actienverein von der Charlottenhütte AG Niederschelden durch Fusion übernommen, welche wiederum 1926 von der Vereinigten Stahlwerke AG aufgekauft wurde.

Damit war die Grube in ihren letzten Betriebsjahren Teil eines der führenden Rheinisch Westfälischen Industriekonzerne.
Als man 1930 die 660m Sohle im Neuen Schacht anfuhr, zeichnete sich allerdings das Ende der Grube bereits deutlich ab. Der bebaute Erzgang „verrauhte“, das heißt der Anteil von Quarz nahm innerhalb des Eisensteingangs dramatisch zu. Am 31. März 1931 musste schließlich der Betrieb der ‚Grube Stahlberg’ endgültig eingestellt werden.
Damit endete der Jahrhunderte alte Müsener Bergbau.

Viele weitere Informationen zum Stahlberg und den anderen Gruben des Müsener Reviers gibt es im Stahlbergmuseum in Müsen (www.stahlbergmuseum.de).

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