St. Nikolaus und die Müsener Bären

von Friedrich Weber

Ein besonderer Brauch findet alljährlich am 6. Dezember in Müsen statt. Ein "Bär", dessen "Fell" aus Kartoffelsäcken hergestellt wurde, sein "Bärenführer", ein "Dirigent", ein "Neger", ein "Polizist" (nach seiner imposanten Maske "Säukopp" genannt), ein "Teufelsgeiger", ein "Kassierer", eine "Zigeunerin" und ein "Musiker" mit Schifferklavier ziehen zunächst durch Dahlbruch, dann durch Müsen und besuchen Geschäfte und öffentliche Einrichtungen. Dabei werden Ständchen gesungen, als Belohnung erhalten die Akteure Geld, das seit 25 Jahren immer für gute Zwecke gespendet wird. Wer sich nicht in Acht nimmt, bekommt von den Akteuren "Schminke" verpasst...

Die "Bären" führen ihre Entstehung selbst auf das Auftreten einer Zigeunergruppe mit Tanzbär zurück, die angeblich nach Ende des Deutsch-Französischen Krieges (1870/71) mehrere Jahre lang nach Müsen gekommen ist. Als diese dann nach 1880 nicht mehr im Dorf erschienen sei, hätten die Dorfbewohner die Szenerie selbst nachgestellt, bis im Umfeld des großen Dorfbrandes von 1893 ein als "Bär" verkleideter Mann erstochen worden sei. Danach habe der Brauch bis etwa 1920 geruht, bis ihn die "9 Töter", eine Gruppe von Junggesellen, wieder aufleben ließen.

Auf den ersten Blick scheint es reiner Zufall zu sein, dass die "Bären" ihren Schabernack alljährlich ausgerechnet am 6. Dezember, dem Nikolaustag, treiben. Ein Zusammenhang mit dem weithin bekannten, rauschebärtigen Geschenkebringer ist da zunächst nicht erkennbar. Und doch ist der sehr eng. Da ist zunächst die Tatsache, dass im restlichen Siegerland Ähnliches nirgends nochmals existiert. Spannend wird es dann beim Blick in die Kirchengeschichte. Bereits im Mittelalter hatte Müsen eine Kapelle, wenn es auch noch kein eigenes Kirchspiel und damit keinen eigenen Pfarrer gab. Das kleine Gotteshaus war - und hier wird der Zusammenhang deutlich - dem heiligen Nikolaus geweiht. Aus anderen Regionen Deutschlands und ganz besonders aus dem alpinen Raum weiß man schon im Mittelalter von seitens der Kirche initiierten Nikolausspielen, kleinen Theaterstücken, mittels derer dem "einfachen Volk" das Leben und Wirken des Nikolaus nähergebracht werden sollte. Als Gegenspieler des Nikolaus agierten immer Teufel und andere dunkle Gestalten, die das Böse und die Sünde symbolisieren sollten. Zum besseren Verständnis: Nikolaus war im 5. Jahrhundert Bischof im Orte Myra in der heutigen Türkei. Er war - und ist - ein "vielbeschäftigter" Schutzpatron, u.a. der Kinder, was seine Rolle als vorweihnachtlicher Gabenbringer erklärt.

Zurück nach Müsen: auch hier mag, nein, muss es frühzeitig ein solches Nikolausspiel gegeben haben. Die Dorfbewohner machten das Nikolausspiel irgendwann nach. Mit der Reformation wurde zwar der Heiligenkult abgeschafft, doch das bunte Treiben ging weiter und wurde im Laufe der Jahrhunderte vom Volke nicht mehr verstanden. Durchziehende Schausteller- und Zigeunergruppen mit Bären und - aus Müsener Sicht - exotisch aussehenden Menschen inspirierten den uralten Brauch neu, man deutete die Figuren als Zigeuner mit Bär und anderen Gestalten wie z.B. "Negern". Einzig die Tatsache, dass der "Bär" an die Kette gelegt wird, weist auf den eigentlichen Ursprung hin: gemeint war eigentlich der Bär als Symbol des Bösen oder des Teufels, der vom Nikolaus gezähmt und an die Kette gelegt wird. Genau solche Konstellationen - hier mit einem Nikolaus in Bischofstracht und angekettetem "Bär" - gibt es im Rheinland bis heute. Da in der evangelischen Kirche aber Heilige abgelehnt wurden, verschwand der Nikolaus allmählich aus der Figurengruppe.
Die Müsener können auf ihren "Bärenumzug" fürwahr stolz sein und sollten die Tradition weiter pflegen!

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