ls man zu Anfang des vorherigen Jahrhunderts am Fuße des Altenbergs unweit Littfelds in einem Wiesengrund einen Teich ausgrub, stieß man bei zwei Meter Tiefe auf bunte Scherben, silberne Sporen und eiserne Hausgeräte. An diesen Ort verlegt die Sage die einst so reiche Stadt Altenberg und erzählt von dem Leben und Treiben und dem schließlichen Untergang seiner Bewohner folgendes:

In uralter Zeit krönte den Altenberg eine stattliche Stadt, von deren Reichtümern man sich im Lande fabelhafte Geschichten erzählte. Ihre unermäßlichen Schätze erhielten die Altenberger aus den ergiebigen Silberbergwerken, die in der Stadt und ihrer nächsten Umgebung lagen.

Infolge ihres Reichtums wurden die Bewohner äußerst üppig Sie fuhren in glänzenden Kutschen mit goldenen Rädern, warfen mit silbernen Kugeln nach silbernen Kegeln und maßen sich das Geld mit Hüten zu. Aber den Armen und Notleidenden gaben Sie von ihrem Überfluss nicht einen Heller ab.

Da brach einst eine Hungersnot im Lande aus. Die Altenberger konnten sich infolge ihres vielen Geldes Getreide kaufen; aber den von Hunger Gequälten ließen sie nichts ab. Ja, um sie zu verhöhnen, buken sie Kuchen so groß wie Wagenräder, machten ein Loch in die Mitte und steckten sie an die Achsen ihrer Kutschen. Und nun fuhren sie durch das ganze Land. Da begegnet ihnen manch scheelblickendes Auge, und manch flehentliche Bitte schlug an ihr Ohr. Aber das rührte nicht das harte, unerbittliche Herz der Frivolen. Ein höhnisches Lachen war die Antwort der stolzen Altenberger auf die Bitten der Hungernden.

Eines Tages sang von der Spitze einer Linde inmitten der Stadt ein wunderschönes Vögelein:

                  O Almerich, Almerich, söh dich vo,
                  et bliewt ken Herde bi dr Koh!

Viele Male und immer lauter und eindringlicher sang das merkwürdige Vögelchen dieselben Worte. Plötzlich kam ein silberweißes Wölfchen und nahm das Tierchen gen Himmel.

Aber die Leute achteten nicht auf die Warnung des Himmelboten, sondern trieben ihr Unwesen immer schlimmer.

Da erschien eines Abends ein gebücktes Männchen mit schneeweißem Bart und bar um Herberge. Jedoch, wo er auch anpochte, kein Mensch wollte ihn aufnehmen. Da verließ er den ungastlichen Ort. bei den letzten Häusern der bösen Stadt angelangt, wiederholte er die selben Worte, die das Vögelein in der Linde gesungen hatte. Aber die Leute spotteten darüber. Das Männlein verschwand ungesehen.

Plötzlich verfinsterte sich der ganze Himmel. Zuckende Blitze sausten zur Erde, und aus den Wolken schüttete Gott Feuer und Schwefel herab, dass die ganze Stadt unterging und nicht ein Mensch dem Gottesgerichte entrann.

Aus: Siegerländer Sagen, gesammelt von Gerhard Schrey, erschienen 1912 im Montanus Verlag Siegen