Mit Charakter in Bewegung

Hilchenbach. Auf den ersten Blick ist es noch wie vor 35 Jahren, als Müsen zum letzten Mal eine Bewertungskommission empfing und noch nicht die Zukunftsfähigkeit eines Ortes, sondern sein Blumenschmuck zählte: Gleich vor der Kirche musiziert das Stahlberg-Quintett, drinnen auf der Empore singt der Gesangverein Glück Auf, die Glocken läuten, und Gruppen von Kindergarten und Schule kommen auch wie zufällig des Wegs. Wie vor 35 Jahren. Aber in Wirklichkeit ganz anders.

Inszenierungen? Jens Weigand, bei dem im Müsener Dorfforum die Fäden für diesen großen Tag zusammenlaufen, entschuldigt sich fast ein bisschen: Es sei halt schwierig, mitten in der Woche so viele Menschen zur Begleitung der Kommission zusammenzutrommeln. „Wieso“, lacht Kreisheimatpfleger Dieter Tröps, „die Kirche war doch voll.“ Und dort hatte Pfarrer Andreas Weiß beteuert, dass es Kaffee und (Reibe-)Kuchen an manchem Nachmittag draußen vor der Kirche gibt, zur Einstimmung auf dem Abendgottesdienst.

Die Müsener stellen sich und ihr Dorf im Film selbst vor – die Premiere in der Kirche soll die Jury beeindrucken, wirkt aber auch auf die Gastgeber. „Ich habe echt Gänsehaut gekriegt“, gesteht einer Zuschauerin der anderen. Da ist der Tross schon weitergezogen, erst zur Dorfmitte mit den Informationssäulen, dann auf die Kirchwiese, die einmal Bürgerbegegnungspark werden soll, später zum „House of Rock“, in das probende Bands die frühere Sieper-Verwaltung verwandelt haben.

Zwischendurch berichtet Tobias Stötzel, Jugendwart des TuS, von den Wünschen der jungen Generation: einen „mobilen Jugendtreff“ und WLAN in der Dorfmitte. Auch ihre Jugend-Version des Müsen-Films wollen sie drehen, mit Smartphone, hat Frauke Andreeßen schon in der Kirche angekündigt. Die Uraufführung: „Am liebsten 2015 beim Landeswettbewerb.“ Dafür müsste Müsen jetzt Gold gewinnen. Martin Krause vom Altenberg- und Stahlbergverein bittet in den Fürsteneingang des Erbstollens: „Aber nicht links abbiegen.“

In Grund hat die Jugend den Hut auf

Das tun die Gäste auch nicht – sie kommen wohlbehalten und vollzählig am Nachmittag in Grund an. Die Verabschiedung beim Müsener Bürgerhaus dürfte derweil in das Dorffest übergegangen sein, bei dem sich die Spannung löst. Man isst und trinkt zugunsten der Dorfjugend. Mindestens bis in den Abend. „Kann auch sein, bis Mittwochnachmittag, halb drei“, denkt Hans-Jürgen Klein an den Verkündungstermin im Kreishaus. Der Fachbereichsleiter aus dem Rathaus folgt der Kommission zu ihrer letzten Station.

Dort wird auch, wie schon in Müsen, Bürgermeister Hans-Peter Hasenstab den Bewohnern für ihr Engagement danken und Daumen drücken. Ortsvorsteher Martin Born darf es sich erlauben, etwas weniger neutral zu sein. „Sicherlich gibt es schönere Dörfer“, so die Spitze nach Müsen, das gerade eben dieses Prädikat für sich in Anspruch genommen hat, „aber Grund ist in Bewegung, nicht nur heute, sondern jeden Tag.“ Und wie. Den Hut auf, im Wortsinn, haben Lea Brauckmann und Nick Florian Stein von der Dorfjugend. Sie übernehmen die Führung durch den Ort — dass die Dorfjugend sich im Zuge des Dorfwettbewerbs 2011 wie ein Verein formiert hat, dürfte die Jury mit Freude gehört haben.

Wenn sie überhaupt zuhört: Dass die 17 Dorf-Richter manchmal abgelenkt wirken, ist ihrem Auftrag geschuldet: Sie müssen Checklisten ihres jeweiligen Fachgebiets abhaken. Und Fotos machen sie auch. Damit sie am Ende nicht Grund mit Müsen verwechseln. Grund – das ist das „Golddorf“ (steht auf der Tafel), mit der Planwagenfahrt rund um den Ort. Müsen — das sind die „mit Charakter“. Stand auf jedem Schaufenster.

Quelle: www.derwesten.de, 02.09.2014